Das Wiener Modell der Radikalisierung - Österreich und die Shoah - Heldenplatz

Seit 15. Oktober 2021 ist „Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah“ am Wiener Heldenplatz zu sehen. Es handelt sich hierbei um eine frei zugängliche Outdoor Ausstellung, die ein gemeinsames Projekt des Haus der Geschichte Österreich, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Institut für Zeitgeschichte sowie dem Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Universität Wien ist. Es wird gezeigt, welche Bedeutung Wien als Antreiber der Radikalisierung des Antisemitismus im NS-Regime hatte. Weiters wird auf die jüdische Selbsthilfe sowie das Verdrängen der Shoah im Nachkriegsösterreich eingegangen.

 

Anschluss 1938

Der erste Bereich der Ausstellung widmet sich dem Anschluss im März 1938, der als Ausgangspunkt NS-Gewalt über die jüdische Bevölkerung gesehen werden kann. Noch bevor Maßnahmen gegen Juden in die Wege geleitet wurden, sind sie wehrlos zahlreichen Demütigungen oder Misshandlungen ausgesetzt. Im Zuge der berüchtigten „Reibpartien“ wurden Juden gezwungen, mit ätzender Lauge Parolen der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur für ein unabhängiges Österreich von den Straßen zu entfernen. Dabei wurden sie von unzähligen Schaulustigen mit großer Schadenfreude beobachtet. Gewaltsame Ausschreitungen in Wien zogen schließlich eine Verschärfung des Antisemitismus im ganzen Deutschen Reicn nach sich. Im Zuge dessen wurden schon vor dem offiziellen Boykott gegen Juden der NSDAP jüdische Geschäfte geplündert oder antisemitische Parolen verbreitet. An der Tagesordnung der NS-Behörden stand nun auch die Enteignung jüdischer Geschäfte und Betriebe ohne Genehmigung.

 

1941. Wien vor Beginn der Deportationen

Ein weiterer Teil der Schau widmet den beginnenden Deportationen 1941. ausgehend von Wien. Anfang 1941 lebten nur noch 61.000 Menschen jüdischen Glaubens in Wien. Sie waren zu diesem Zeitpunkt schon völlig verarmt und hatten kaum Einkommensquellen. Neben dem Ausschluss aus der Kleider- und Schuhverteilung galt für sie auch ein Ausgangsverbot nach 20 Uhr. Nach dem Anschluss 1938 wurden Wohnungen und Häuser der jüdischen MitbürgerInnen enteignet und sie mussten umsiedlen. Sie lebten auf engstem Raum in Sammelwohnungen im 2. Bezirk. Eine der wichtigsten Anlaufstelle für jüdische Mitglieder war die Fürsorgeabteilung der Kultusgemeinde, die versuchte mit Suppenküchen oder einer Kleiderkammer die größte Not zu lindern, meist jedoch ohne Erfolg.

 

Politik gegen Juden

Folgt man der Schau weiter, findet man Erläuterungen zum Wiener Modell der Deportationen. Dieses Unterfangen wurde geleitet von dem Gauleiter Baldur von Schirach. Seine Pläne unterbreitete er Adolf Hitler am 2. Oktober 1940 bei einem privaten Treffen. Das Ziel war es, Wien als erste Großstadt im Deutschen Reich "judenfrei" zu machen. Die Zustimmung von Hitler dafür erhielt Schirach am 3. Dezember 1940. Und damit war Wien die erste Stadt, von der aus im Februar 1941 Deportationen ausgingen. Die Wiener "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", die 1938 von Adolf Eichmann gegründet wurde, zeichnete sich für die Transporte verantwortlich. Die ersten Transporte fanden zwischen 15. Februar und 12. März 1941 statt und gingen vom Aspangbahnhof aus, deren Ziel polnischen Kleinstädte waren. Die abgeschobenen Juden mussten nach Ankunft selbst ihre Bleibe bauen und wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die Deportationen wurden Mitte März aufgrund des geplanten Überfalls auf die Sowjetunion unterbrochen. Währenddessen suchte die Kultusgemeinde verzweifelt nach Ausreisemöglichkeiten für JüdInnen, die sich zu diesem Zeipunkt noch in Wien befanden.

Die radikale Politik gegen die jüdische Politik nahm nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 jedoch wieder ihren Lauf. Vom NS-Regime wurde nicht mehr auf Vertreibung, sondern auf Vernichtung gesetzt. Begonnen wurde diese mit einer Kennzeichnung durch einen gelben "Judenstern", der einen maßgeblichen Einschnitt in das Leben der Leidtragenden bedeutete. All jene, die diese Sterne trugen, waren von nun an öffentlich erkennbar, stigmatisiert und vor Überfällen nicht gefeit. Trotz dieser drastischen Situation leisteten einige JüdInnen Widerstand. Sie starteten Versuche zur Rettung der Betroffenen und sich selbst.

 

1945 und die Folgen

Im letzten Bereich der Ausstellung werden schließlich die Folgen der NS-Politik gegen die jüdische Gemeinde erläutert. Nach Kriegsende im Jahr 1945 wurden nur wenige NS-TäterInnen zur Verantwortung gezogen. Eigens gegründete Volksgerichte verhängten Todesurteile und hohe Haftstrafen, die nach einigen Jahren jedoch wieder aufgehoben wurden. Einige Haupttäter, wie Baldur von Schirach, konnten flüchten. Schirach stellte sich schließlich und wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ein weiterer Fall war der Prozess gegen Adolf Eichmann, der verantwortlich war für die Ermordung von etwa sechs Millionen Juden. Nach seiner Flucht nach Argentinien wurde er 1960 von israelitischen Agenten aufgegriffen und schließlich zum Tod verurteilt. Dies sind nur zwei Fälle, in denen die Kriegsverbrechen jegen die jüdische Bevölkerung sichtbar gemacht werden. Der Kampf um Wiedergutmachung und Rückstellung der enteigneten Besitztümer erwies sich jedoch als sehr lange und mühsam.

 

Fazit

Die Schau gibt einen komprimierten Überblick über die Geschichte Shoah in Österreich bzw. Wien. In acht thematischen Blöcken werden nicht nur allgemeine Informationen gegeben, sondern auch einzelne Schicksale beschrieben. Dies wird veranschaulicht durch Original-Abbildungen, Briefe oder Augenzeugenberichten. Inmitten der Stadt, auf dem Heldenplatz, wird somit an österreichische Geschichte erinnert und aufmerksam gemacht. 

 

"Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah" ist noch bis 10. Dezember 2021 auf dem Wiener Heldenplatz zu sehen

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