Mit der Übernahme von Nicolas Stemanns gefeierter Inszenierung von Sophokles’ “Ödipus Tyrann" bringt das Wiener Volkstheater ein Theaterereignis auf die Bühne, das gleichermaßen radikal und zutiefst bewegend ist. In dieser minimalistisch-starken Fassung wird der antike Mythos zum Spiegel gegenwärtiger Krisen – Schuld, Verantwortung und kollektive Verstrickung werden neu verhandelt.
Radikale Reduktion
Stemanns Inszenierung lebt von einer konsequenten Reduktion. Die Bühne wird von einer schwarzen Mauer dominiert, die erst im dramatischen Finale angehoben wird, um das Publikum zu blenden. Drei breite Edelstahl-Stufen ziehen sich bis in den Zuschauerraum – so verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Publikum. Diese Architektur schafft nicht nur einen körperlichen Raum für das Drama, sondern symbolisiert auch die psychischen Höhen und Tiefen, die Ödipus durchläuft. Die schlichte Ausstattung lenkt den Fokus auf das gesprochene Wort, das Zuhören und die Begegnung – womit Stemann eine Theaterform kultiviert, die auf das Wesentliche konzentriert ist.
Vielfältige Rollen
Erwähnenswert ist, dass Alicia Aumüller und Patrycia Ziółkowska alle Rollen spielen: Ödipus, Iokaste, Kreon, Tiresias, Chor – immer wieder wechseln sie Figuren, Stimmen und Perspektiven. Dieser Wechsel vollzieht sich mit beeindruckender Leichtigkeit, wodurch ein intensives Spiel von Identität, Schuld und Verstrickung entsteht. In Chorpassagen, die sie mit Mikrofonen ins Publikum flüstern, wirkt das Publikum selbst wie Teil des leidgeprüften Volkes von Theben.
Schuld, Macht und Verantwortung
Stemanns Fassung macht den „Tyrannen“ Ödipus zum Symbol nicht nur persönlichen Falls, sondern gesellschaftlicher Dynamik. In einer Stadt, die von Dürre, Pest und Infertilität geplagt wird, fordert das Volk einen Schuldigen – und Ödipus wird als Retter gerufen. Doch während er nach dem Schuldigen sucht, schließt er sich selbst von der Schuld aus und gerät so selbst zum Tyrannen. Diese Interpretation hinterfragt das uralte Bedürfnis, Krisen auf Individuen zu projizieren – und fordert das Publikum zur Reflexion darüber auf, wie Verdrängung in Verantwortung umschlagen kann.
Fazit
Die Inszenierung von „Ödipus Tyrann“ im Volkstheater Wien unter der Regie von Nicolas Stemann ist ein kraftvolles, intellektuell wie emotional dichtes Theatererlebnis. Mit einer minimalistisch gestalteten Bühne, dem intensiven Zusammenspiel von zwei Schauspielerinnen und einer politisch aufgeladenen Interpretation des Mythos gelingt ein Abend, der sowohl alte Fragen neu stellt als auch gegenwärtige Themen unmissverständlich spiegelt.
Autorin: Isabel Victoria
FotoCredits: Marcella Ruiz Cruz

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