"Geschlossene Gesellschaft” in der Inszenierung von Martin Kušej am Burgtheater ist ein Klassiker des Existenzialismus, der sich hier konsequent von seiner historischen Verortung löst und radikal in die Gegenwart überführt wird. Seine Inszenierung verwandelt Sartres Kammerspiel in eine beklemmende Versuchsanordnung über Selbstbilder, gesellschaftliche Brüche und die Unmöglichkeit, dem Blick der anderen zu entkommen.
Aggressives Kammerspiel
Im Zentrum stehen die Figuren Inès, Estelle und Garcin, die sich gegenseitig in einem psychologischen Dauerzustand belauern und definieren. Kušej verdichtet ihre Beziehungen zu einem aggressiven Kammerspiel, in dem jede Geste zur Anklage wird. Die Figuren kreisen um Schuld, Selbstrechtfertigung und Projektion, während sie gleichzeitig unfähig bleiben, sich selbst zu erkennen.
Bühne als Zustand
Die Bühne präsentiert eine rohe, kalte Architektur aus grauen Ziegeln. Der Raum wirkt wie ein hermetisch abgeriegelter Keller ohne Fenster, Spiegel oder Bezug zur Außenwelt. Die einzigen Sitzmöglichkeiten bieten neben dem steinigen Boden ein langer weißer Tisch sowie Ziegelsteine. Die Szenerie ist nüchtern, kühl und gleichzeitig von einer grotesken Ästhetik durchzogen. Dies wird verstärkt durch eine weiße gurkenförmige Skulptur von Erwin Wurm, deren Existenz etwas deplaziert wirkt.
Gegenwart als Hölle
Kušej liest das Stück konsequent als Kommentar zur Gegenwart. Die Inszenierung greift Motive gesellschaftlicher Spaltung und Isolation auf und transferiert sie in ein zeitgenössisches Setting. Der Zweite Weltkrieg als Hintergrund des Originals wird zur Metapher für heutige Konfliktlagen.
Gerade im Kontext jüngerer Erfahrungen wie kollektiver Isolation entfaltet die Inszenierung eine zusätzliche Resonanz. Die Figuren sind nicht nur Gefangene eines metaphysischen Raumes, sondern auch eines sozialen Systems, das sie selbst mitgestalten.
Fazit
Martin Kušejs „Geschlossene Gesellschaft“ ist keine werkgetreue Illustration, sondern eine konsequente Neuinterpretation. Die Inszenierung überzeugt durch ihre visuelle Strenge und ihre analytische Schärfe, auch wenn sie stellenweise eine gewisse emotionale Monotonie riskiert. Doch sie verweigert Katharsis und zwingt das Publikum, sich selbst als Teil dieser „Hölle“ zu begreifen.
Autorin: Isabel Victoria
FotoCredits: Susanne Hassler-Smith

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